Dass Europa produktionstechnisch zu den bedeutendsten Akteuren weltweit gehört, ist gemeinhin bekannt. Zusammen mit dem Dienstleistungssektor trägt das produzierende Gewerbe den größten Teil zur europäischen Wirtschaftsleistung bei. Aktuell macht der Industriesektor im EU-Durchschnitt 19,7% der Bruttowertschöpfung aus (Stand 2017). Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Europa neben China und Nordamerika einer der attraktivsten Standorte für Unternehmen und Investoren ist. Erfahren Sie hier die wesentlichen Fakten rund um das Thema Produktion in Europa – angefangen von erläuternden Bemerkungen zum Produktionsbegriff über zentrale Produktionsstandortfaktoren sowie attraktive Fertigungsplätze in Europa bis hin zu konkreten Förderungsmaßnahmen.



Produktion ist Verarbeitung und Bearbeitung

Im engeren klassisch-volkswirtschaftlichen Sinne bedeutet „Produktion“ die Herstellung von Sachgütern im Rahmen des produzierenden Gewerbes respektive des sekundären industriellen Wirtschaftssektors. Dieser umfasst die Wirtschaftszweige des verarbeitenden Gewerbes (verarbeitende Industrie, handwerkliche Produktion), der Energiewirtschaft sowie der Entsorgung. Je nach Klassifizierung werden auch der Bergbau sowie das Baugewerbe unter das produzierende Gewerbe subsumiert. Da das Baugewerbe sich allerdings oft unterschiedlich entwickelt als das produzierende Gewerbe, erfolgt die Betrachtung der Entwicklung des letzteren Gewerbes häufig ohne ersteres. Der industrielle Sektor lässt sich darüber hinaus als Folgesektor des sogenannten Primärsektors begreifen, insofern der Sekundärsektor die Güter und Rohstoffe des Primärwirtschaftssektors weiterverarbeitet, welcher aus Land- und Forstwirtschaft besteht (Ackerbau, Fischerei, Viehzucht, Waldnutzung etc.).

Auch Dienstleistungen sind produzierbar


Komplementär zum obigen Begriff der Produktion steht der Begriff der Dienstleistung. Dienstleistungen sind immaterielle Produkte (Güter, Absatzobjekte), die im Ausüben einer entgeltlichen Aktivität bestehen (z.B. Beraten, Bedienen). Sehr oft stehen Dienstleistungen in Verbindung zu materiellen Produkten, so etwa sachbezogene Dienstleistungen (Versicherungsleistungen, Lieferungsservice) sowie industrienahe („sekundäre“) Dienstleistungen (z.B. Planungsleistungen, Instandhaltungsleistungen, Telefonservice). Bei Dienstleistungen erfolgt in vielen Fällen die Produktion und Konsumption zeitgleich, d. h. die Dienstleistung entsteht dort, wo sie konsumiert wird (z.B. beim Taxifahren, Haareschneiden). Dieses zeitliche Zusammenfallen liegt allerdings nicht zwingend vor, wie besonders einzelne computergestützte Dienstleistungen beispielhaft illustrieren (Überweisungen, Streamingdienste). Der enge Zusammenhang zwischen der Produktion von materiellen Gütern und der Produktion von immateriellen digitalen Gütern manifestiert sich deutlich im Konzept Industrie 4.0.


Industrie 4.0 als Produktion der Zukunft in Europa


Industrie 4.0 repräsentiert den Beginn einer neuen Ära der Produktion. Das ursprünglich aus Deutschland stammende Konzept beinhaltet die revolutionäre Idee, die gesamte industrielle Produktion zu digitalisieren und damit künftig effizienter zu gestalten. Das Ziel: die intelligente Vernetzung von industriellen Produktionstechnologien und -abläufen mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologie, um eine Produktion zu ermöglichen, die überwiegend selbstgesteuert und selbstoptimierend ist. Die Grundlage dieser Vernetzung ist das Internet: Mit Sensoren ausgestattete, lern- und anpassungsfähige Maschinen bilden Netzwerke, die über das Internet sowohl miteinander als auch mit anderen Systemen sowie mit Personen kommunizieren und so eigenständig Lösungen erarbeiten können – und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette.


Auch die Europäische Union sieht Industrie 4.0 als Chance, um weiterhin Wachstum, Wohlstand und sichere Arbeitsplätze im Euro-Raum zu gewährleisten. Damit die Industrie seinen bedeutenden wirtschaftlichen Status beibehält bzw. ausbauen kann, hat sich die EU zum Ziel gesetzt, einen gemeinsamen digitalen Binnenmarkt aufzubauen, der den grenzüberschreitenden Austausch von Dienstleistungen, Waren und Daten in der Europäischen Union vereinfachen soll. Da sich über die Digitalisierung nach Einschätzung der Europäischen Kommission ungefähr 110 Milliarden Euro an Zusatzumsatz generieren ließe, sind zahlreiche EU-Initiativen und Fördermaßnahmen ins Leben gerufen worden, um Europa flächendeckend auf die Herausforderungen digitalisierter Produktion vorzubereiten. Die Vision ist ein Europa, das auch im Zuge digitalisierter Produktion attraktive Produktionsstandorte bietet.

Attraktive Produktionsstandorte brauchen nicht nur gute Hard Factors

Die Attraktivität eines Produktionsstandortes ist von zwei Arten von Standortfaktoren abhängig, die je nach Unternehmenszweig und Wertschöpfungskette variieren. Sie geben einem Unternehmen Aufschluss über die Qualität eines Standortes. Gemeint sind die so genannten harten und weichen Standortfaktoren. Harte Standortfaktoren sind jene Aspekte, die sich leicht bestimmen oder erfassen lassen. Hierzu gehören etwa:

Viele europäischen Länder bieten Standortvorteile in der Produktion

Europa ist nach wie vor für viele ausländische Unternehmen ein attraktiver Produktionsstandort. Dies liegt daran, dass zahlreiche europäische Länder viele der oben genannten Standortkriterien erfüllen und somit klare Wettbewerbsvorteile im internationalen Vergleich bieten können. In besonderem Maße gilt das für den Bereich Mittel- und Osteuropa. Trotz einiger Klagen über Korruption, Bürokratie sowie über infrastrukturelle und wirtschaftspolitische Probleme ist es vor allem der Standortfaktor Arbeit, der die Anziehungskraft der MOE-Region ausmacht. Gelobt werden die niedrigen Arbeitskosten, die hohe Produktivität, Qualifikation sowie die Verfügbarkeit und Qualität von Zulieferern vor Ort. Einige markante Beispiele sind Frankreich, Großbritannien, die Schweiz, Polen, Tschechien, die Slowakei und Bulgarien.


Auch Deutschland ist ein erstklassiger Produktionsstandort


Deutschland ist immer noch der attraktivste Produktionsstandort in Europa. Das große Industrieland und Europas wichtigster Technologielieferant ist nicht nur der weltweit größte Exporteur neben den USA; es bildet als größte Volkswirtschaft Europas auch den wirtschaftlich bedeutendsten EU-Markt. So betrug nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der Bruttowertschöpfungsanteil des Sekundärsektors (ohne Baugewerbe) in Deutschland im Jahre 2017 ungefähr 26%. Deutlich geringere Anteile zeigen sich dagegen in Italien (19%), Spanien (18%), Frankreich (14%) und Großbritannien (14%). Zu den wichtigsten Industriebranchen Deutschlands gehören die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Elektrotechnikindustrie und die chemisch-pharmazeutische Industrie. Nicht zuletzt durch gelegentliche Steuerentlastungen und Förderprogramme für Unternehmen versucht die Politik, inländische Unternehmen im Land zu halten und ausländische Unternehmen anzuziehen. Gleichwohl bleiben eine hohe steuerliche Belastung, hohe Sozialabgaben und Arbeitskosten sowie ein umfangreiches Arbeits-, Sozial- und Tarifrecht die Hauptkritikpunkte am Produktionsstandort Deutschland.


Mit Förderungen die Zukunft des Produktionsstandortes Europa sichern

Die bisher angeführten Daten und Faken belegen, dass Europa ein interessanter Standort für Fertigungsunternehmen und Investoren ist. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, sind neben effizienten wirtschaftlicher Aktivitäten seitens der Unternehmen auch zukunftsweisende produktionspolitische Förderungsmaßnahmen seitens der EU hilfreich – sei es in Form von Subventionen oder Gesetzesänderungen.

Ihrem Selbstverständnis zufolge ist die EU Standort der Zukunft für die Industrie. Um Europas Industrie auch mittel- und langfristig wettbewerbsfähig zu gestalten, hat sich die Europäische Kommission das Ziel gesetzt, den Anteil der Industrieproduktion an der Bruttowertschöpfung innerhalb der Europäischen Union bis zum Jahre 2020 von derzeit 16% auf 20% zu erhöhen. Zu diesem Zweck zieht die EU nicht zuletzt gezielte Förderungsmaßnahmen in den Wirtschaftszweigen Automobilindustrie, Pharmaindustrie und Energie in Betracht.

Europäische Batteriezellen-Produktion – die Zukunft der europäischen Automobilindustrie


Seitdem im Jahre 2015 fast 90% der globalen Batteriezellenproduktion in Asien, (genauer: Japan, Südkorea und China) erfolgte, sieht die EU einen Handlungsbedarf. Ohne Förderung des Aufbaus der Batteriezellenproduktion in Europa drohen Experten zufolge zu große Abhängigkeiten von asiatischen Herstellern, welche bereits jetzt Preise und Liefermengen festlegen könnten. Die Gefahr: Gedrückte Gewinne und weniger Beschäftigung, da ein Großteil der Wertschöpfung (ca. 40 – 50%) nicht bei den Automobilproduzenten läge. Bislang gilt die Produktion von Batteriezellen in Europa aufgrund hoher Energie- und Personalkosten als zu teuer. Andererseits ist davon auszugehen, dass die Nachfrage an Batterien und Batteriezellen im Zuge der steigenden Anzahl an E-Autos und der Erreichung der Klimaziele in Europa in den Folgejahren zunehmen wird. Um hinsichtlich der Batterieherstellung nicht den Anschluss zu verlieren und dem asiatischen Lithium-Ionen-Zellen-Oligopol entgegenzuwirken, sind Investitionen im zwei- bis dreistelligen Milliardenbereich erforderlich. Die von der EU-Kommission ins Leben gerufene Europäische Batterie-Allianz, welche aus Industrie- und Innovationsakteuren besteht, fordert daher eine Bündelung der EU-Kräfte. Die Allianz hat diesbezüglich bereits einen Investitionsplan vorgestellt, der bis zu fünf Millionen neue Arbeitsplätze in Aussicht stellt. Auch in Deutschland ist man sich allmählich des Ernstes der Lage bewusst. So erwägt das deutsche Wirtschaftsministerium derzeit gemeinsam mit Polen den Bau einer Batteriezellenfabrik in der Lausitz.

Batteriezellen leisten einen großen Beitrag bei der Wertschöpfung der klimafreundlichen Elektroautos. Dabei spielen die knappen Metallrohstoffe Lithium und Kobalt eine wesentliche Rolle. Sie sind Kernstücke der Lithium-Ionen-Akkus, die nicht nur vermehrt als Stromversorger von E-Autos Verwendung finden, sondern auch bei vielen anderen Produkten des Alltags energieversorgend tätig sind (z.B. Laptops, Smartphones). Für die Produktion von Akkus für Elektroautos sind mehrere Kilogramm von Lithium erforderlich.


Vorschlag für eine profitable Produktion von Generika und Biosimilars im Inland

Nach geltendem EU-Recht ist die Produktion von Generika und Biosimilars erst dann gestattet, wenn der Patentschutz bzw. das ein Patent um maximal fünf Jahre verlängernde Schutzzertifikat des Originalpräparats abgelaufen ist. Bisher geht damit ebenfalls das Verbot einher, die Präparate im Inland zu produzieren. Für die europäische Pharmaindustrie birgt diese Regelung eine rechtliche Barriere: Möchten Unternehmen die besagten Präparate in Ländern ohne Patentschutz verkaufen, so müssen sie diese im Ausland produzieren. Das könnte sich künftig ändern. Geplant ist eine Ausnahmeregelung, die Unternehmen die Produktion von Generika und Biosimilars im Inland gestattet, wenn die Präparate für den Export in Länder bestimmt sind, wo das Patent bzw. Schutzzertifikat schon abgelaufen ist. Auf diese Weise soll zum einen die Wettbewerbsfähigkeit von europäischen Arzneimittelproduzenten auf dem globalen Generika-Markt gesichert werden. Zum anderen verspricht sich die Europäische Kommission zusätzliche Nettoumsätze in Höhe von ungefähr einer Milliarde Euro sowie weitere 25.000 Arbeitsplätze im Laufe der nächsten zehn Jahre.Generika sind nachgeahmte Arzneimittel. Sie ähneln dem patentierten Originalpräparat in der Zusammensetzung, werden aber häufig zu deutlich günstigeren Preisen angeboten.


Sonnige Zeiten für die europäische Solarproduktion?

Der Bedarf an selbstversorgendem Solarstrom steigt stetig. Gleichwohl besteht für Europa die Gefahr, seine Innovationsstärke und Technologieführerschaft im Bereich der erneuerbaren Energien an asiatische Produzenten zu verlieren. Was die Massenproduktion von Photovoltaik-Modulen betrifft, so musste das Erfinderland und der Technologiespitzenreiter Deutschland gegenüber der asiatischen Solarindustrie bereits seine Niederlage eingestehen. Angesichts hoher Produktionskosten müssen europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mit Produkten von hoher Qualität und Innovativität punkten. Das gilt auch für die Solarindustrie. Aus diesem Grund sind Förderungen eine wichtige Komponente, um den Energiemarkt in Europa zu stärken und voranzutreiben. Da die Massenproduktion von Modulen in Europa stark abgenommen hat, fokussieren sich Unternehmen vermehrt auf die Produktion von hochspezialisierten Premiumprodukten. Genau hier gilt es anzusetzen.


© 2015-2019 Copyright: www.onsites.com